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Oder: "Ein irrsinniger Auftritt"
Vorrede
"Stets findet Überraschung statt, da wo man's nicht erwartet hat", wußte schon Herr Busch. Nein, wir reden hier zwar über einen "W", allerdings über einen Wilhelm und nicht über einen George William, und der geneigte Leser wird feststellen, dass auch das c im Busch ist, was eine angelsächsische Herkunft zumindest unwahrscheinlich erscheinen lässt. Die folgende kleine Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit, wenn ich auch Ort und Namen der Beteiligten verfremdet habe, um nicht als böser Querulant dazustehen, oder den Beteiligten zu nahe zu treten. Es ist eine Geschichte von Leidenschaft, von Emotionen und großen Gefühlen auf der Bühne des Lebens, oder dessen, was manche dafür halten. Aber nun genug der Vorrede! Hebt den Vorhang!
Was bisher geschah
Ein nicht mehr ganz so junger, aber noch leidlich dynamischer, Mann, hatte sich auf die Fahnen geschrieben, anderen Menschen den Umgang mit der Tastatur nahezubringen. Zu diesem Zweck engagierte er sich an einer nahegelegenen Schule dann und wann als Unterrichtender in Kursen für Erwachsene, Schüler, Nichtschüler, Woandersschüler, schlicht: für jede Interessierte oder jeden Interessierten, die dort gegen ein geringes Entgelt Kurse besuchen konnten. Der Mann, wir wollen ihn der Einfachheit halber H. nennen, hatte nun einen weiteren Kurstermin in besagter Schule. Man hatte ihm einen Schlüssel ausgehändigt, so dass er die Räumlichkeiten zu öffnen vermochte und er hatte sich frohen Mutes auf eine nette Unterrichtsstunde vorbereitet. Schon als er zu Vorbereitungszwecken das Schulgebäude betreten hatte, wozu er anders als üblich bereits den Schlüssel benötigte, fand er sich in der wunderbaren Klangwelt eines probenden Orchesters wieder, durch das er allerdings beinahe hindurchschreiten musste, um das obere Stockwerk zu erreichen, in dem sich der Unterrichtsraum mit den Tastaturen der Begierde befand. Nach einigem geschäftigen Treiben, hatte er schließlich das Gemäuer wieder verlassen, um "seine" Lernwilligen vor dem Eingang abzuholen und hinein zu geleiten. Die elektronischen Geräte waren betriebsbereit, die Elevinnen und der Eleve an Ort und Stelle und man war allgemein bereit, sich der Fingerqual hinzugeben. Hier kommt endlich, zwar nicht in persona, aber doch redensartlich, Herr Busch ins Spiel, und die Überraschung betritt die literarische Bühne.
Der Tragödie erster, zweiter und dritter Teil
Die Lernbegierigen setzen sich just an ihre Plätze vor die heimelig erleuchteten Bildschirme, als es energisch an die Glastür des wohlig warmen Raumes klopft. Es gestikuliert dabei auch wild, wie H. sofort erkennt. Möglicherweise brennt es im Gebäude, schießt es H. durch den Kopf, denn es sind unter anderem Bratschen an der Probe beteiligt und man weiß, dass Geiger mitunter recht garstig sein können, wenn es um ihre Kollegen, die verhinderten Geiger und die Geiger nach dem Schlaganfall, geht. Also eilt er zur Tür, um dem Irrsinn Einlaß zu gewähren.
Kaum hat er die Klinke niedergedrückt, drängt auch schon ein zeterndes etwas in den Raum. Das etwas ist vermutlich weiblich, im pensionsfähigen Alter, aber offensichtlich nicht gewillt, diese Option wahrzunehmen. Die Anwesenden erheben sich instiktiv von ihren Stühlen, das Stammhirn scheint hier eine große Rolle zu spielen und man weiss für einen moment nicht so recht, ob sich der Fluchtreflex Bann bricht, oder aber archaische Gewaltphantasien raumgreifend alle Zügel der Zivilisierung des Menschen zerreißen mögen. Ein Stakkato von Klarstellungen im Befehlston bricht über die Anwesenden herein, H. fühlt sich an die "Fünf Frechheiten im Befehlston" erinnert, die weiland ein gewisser Herr Robert Schumacher komponierte; er kam aus Endenich und endete in der Nervenheilanstalt, oder verwechsle ich hier Kleinigkeiten? Der anwesende Irrsinn ist dort offensichtlich noch nicht gelandet, wiewohl sie es verdient hätte. Der Volkston ist laut und unverschämt. Man könne hier jetzt nicht arbeiten. Gut, man könne schon arbeiten, aber man solle nicht damit rechnen, den Raum oder das Gebäude dann vor Ende des Konzerts verlassen zu können. Notfalls schlöße sie eben ab. Überhaupt sei es eine Frechheit, dort unten seien Profis am Werk. In ihrer Rolle als Irrsinn sei sie ungehalten; immerhin vermeidet sie es zu fragen, wer H. oder die lieben Kunden, die unter anderem den Raum mit den lieblich leuchtenden Bildschirmen finanzieren, denn eigentlich wären.
H. wird seinerseits recht unleidlich und bescheidet den ungerufenen Besen, dass er selbst diesen Kurs für beendet erklärt, und sie, der Irrlichternde Irrsinn, am nächsten Morgen ihrem Kollegen erklären solle, warum eine Bildungsveranstaltung an diesem Abend in diesem Haus nicht stattgefunden habe.
--- An dieser Stelle kommt -endlich zu recht- das Zitat von Wilhelm Busch zu Ehren, denn eine Teilnehmerin erreicht, dass ohne H.'s Zutun ein unauffälliger Weg zum Verlassen des Gebäudes von der spätklimakterisierenden Ex-Sopranistin aufgezeigt wird. Die Überraschung ist perfekt und während H. griesgrämig grantelnd neben dem irrlichternden Irrsinn zu dem rettenden Ausgang schreitet, um zu prüfen, ob dieser denn auch tatsächlich existiert, gibt der grau und langhaarige Besen die Kreidestimme, fragt, an welcher Stelle sie unverschämt gewesen wäre. Sie sei vielleicht ein wenig zu emotional gewesen, dafür habe er doch sicher Verständnis. Kurz und knapp: H. hat es nicht! --
H. lehrte ein wenig, lachte mit den Mitleidenden, konnte sich bei pseudoklassischen Evergreens ebensowenig konzentrieren wie bei pseudomodernen Cellokonzerten und wie die Mitanwesenden, beendete schließlich die Veranstaltung und sah sich dann erneut Willhelm ausgesetzt!
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Nachrede
Man hätte nach dem Willen des Besens nicht das Gebäude verlassen können, denn man hätte ja gestört. Man hatte es mit Profis zu tun. Der Irrwisch-Besen hielt sich auch für einen solchen (Profi, nicht Besen!) (H. sah das verständlicherweise anders). Als H. den Kurs beendet hatte, gingen alle Teilnehmer friedlich hinter dem Orchester, das zweifellos gut war, her, den normalen Weg, denn es war just zu dieser Zeit Pause.
Es ist wohl nicht alles so häßlich, wie es scheint, aber in diesem speziellen Fall war die Aufforderung Goethes Zauberlehrling "Und nun komm, du alter Besen! Nimm die schlechten Lumpenhüllen!" wohl doch ein wenig zu wörtlich genommen worden, wenn es sich hier natürlich auch nur auf die verbalen Lumpenhüllen bezieht.
_________________ Die Dummheit der Menschen stirbt nie aus
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