Heute vormittag habe ich das ganz eindeutig festgestellt!
Morgens hatte ich No.5 ja schon gesehen, aber da ich erstens nicht sonderlich aufmerksam war, es war nämlich noch früh am Tag, und mir zweitens No.5 kaum den Rücken zudrehte, fiel es mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.
Gut, man kann diese Erkenntnis, respektive dieses Erlebnis eigentlich nicht verstehen, wenn man die Geschichte von Kurt und Inge nicht kennt, daher hole ich an dieser Stelle ein wenig aus.
Kurt. Kurt ist seit über 30 Jahren in Bonn-Beuel und Kurt hat schonmal im Steigenberger gearbeitet. Kurt trinkt gern leckeren Moselwein, weiß, dass Champagner nicht immer so gut ist, wie man vermutet, und hat eine rot geäderte Nase.
Da Kurt seit 30 Jahren eine Kantine in einem Gebäude der öffentlichen Hand bewirtschaftet, riecht Kurt den ganzen Tag nach Lebensmitteln. Das führt dazu, dass Kurt seit einiger Zeit abends keine feste Nahrung mehr zu sich nimmt, sondern sich ein oder mehrere Kölsch zu Gemüte führt, insbesondere bei Temperaturen wie denen der letzten Tage und Wochen.
Kurt ist nett, Kurt raucht auch mal eine mit und Kurt schmiert morgens auf Bestellung gerne das etwas andere Brötchen oder kombiniert beim Mittagstisch auch mal Kartoffelsalat mit Remoulade, oder ersetzt die Pommes zum Schnitzel auf Wunsch durch Reis oder lässt nach Vorbestellung sogar beim Backfisch die Panade weg.
Nun zu Inge. Inge ist die Frontfrau der Kantine, in der Kurt den Kochlöffel schwingt. Inge ist schon etwas älter, trägt die seit den 70er Jahren ein wenig aus der Mode gekommene Blumenkohlfrisur, kombiniert diese aber gerne mit weitausgeschnittenen T-Shirts und vor allem kurzen, geblümten Röcken, die ihre ein wenig krampfadergeplagten Beine in einem zart bläulichen weiß ebenso zur Geltung bringen, wie das T-Shirt die von der Schwerkraft arg gebeutelte Oberweite.
Inge ist natürlich auch nett! Inge verkauft für zwo-achtzig zwei belegte Brötchen, einen (großen oder kleinen) Kaffe, einen Saft und ein gekochtes Ei.
Auf Wunsch kann man aber zum gleichen Preis auch zwei Brötchen, einen Kaffee und zwei Säfte, dafür aber kein gekochtes Ei kriegen, oder andere unsinnige Kombinationen.
Die beiden harmonieren ganz trefflich miteinander, wie man dann und wann an Kurts zärtlich gebrüllter Aufforderung

INGEEEE! erkennt, oder auch an Inges säuselndem "Mähdsde noch e Schnitzelbrötche, Kurt?" erkennt.
Nun begibt es sich aber von Zeit zu Zeit, dass Inge Urlaub macht, und dann gerät die kleine Frühstücks- oder Mittagessenwelt durcheinander.
Bei der Mittagessenwelt hält sich das Ganze noch in Grenzen, weil es ja Kurt ist, der die Teller füllt und dabei in keiner Weise sparsam oder gar geizig ist.
Sein berühmtes "Zwei oder drei Klöße?", das er immer dann ausspricht, wenn er bereits den dritten, oder wenn er mal besonders gut gelaunt ist, vierten Kloß mit der Schaumkelle auf den überdimensionierten Teller gegeben hat, meist sogar erst, wenn er die ebenso überdimensionierte Saucenkelle mit Hirschgulasch gekonnt bis einen halben Millimeter unter den Tellerrand entleert hat, kennt jeder, der es auch nur einmal gewagt hat, Kurts Mittagessen zu degustieren.
Beim Frühstück aber schwingt normalerweise Inge (INGEEEEE) das Szepter und wenn sie nun unglücklicherweise im Urlaub weilt, dann wechseln unterschiedlich hilflose Aushilfskräfte annähernd im Tagesrhythmus ab.
Womit wir endlich beim Thema wären, denn heute trug der Aushilfskraft einen Bart, der in der Form an Heiner (I'm the walruss) Brandts erinnerte, und ein grünlich gelbes Hemd, das dem Wetter angemessen kurzärmelig war.
Wie bereits eingangs erwähnt, drehte er mir nicht den Rücken zu, während ich mein morgendliches Mahl erstand, was er aber kurz nach Mittag an den Containern hinter dem Haus, wohin es mittlerweile die Raucher wie mich verschlagen muss, um ihrem Laster zu fröhnen, nachholte.
Und da sah ich es dann!
In einem weißen viereckigen Aufnäher stand dort "No.5" deutlich sichtbar geschrieben, so dass mir schlagartig klar wurde, was ich bereits die ganze Zeit zu sagen vermied:
Nummer 5 lebt, und Nummer 5 lebt in Bonn Beuel!